Ab sofort lassen wir auf unserer Homepage Deutschlands beste Experten zu Wort kommen. Ob Politik, Wirtschaft, Medien oder Gesellschaft: In unserer neuen Rubrik NETZ·TALK sind die Themen so vielfältig wie das Leben. Die Standpunkte unserer Autoren sind persönlich, streitbar und immer gesprächswertig. NETZ·TALK – Darüber wird man sprechen!

Den Auftakt macht Diplom-Psychologe Rolf Schmiel, Jahrgang 1973. Der Buchautor und Motivationspsychologe berät Unternehmen u.a. zu Führungsfragen. Außerdem ist er als Experte für diverse TV- und Radiosender tätig. Im November 2016 ist er an der Seite von Ruth Moschner als Co-Moderator und fachlicher Berater in der SAT.1-Show „So tickt der Mensch“ zu sehen.

Rolf Schmiel schreibt exklusiv für MAASS·GENAU


Top-Manager Winterkorn – Warum ist „genug“ nie „genug“?

Der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn, Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer und FC Bayern-Lichtgestalt Ulrich Hoeneß haben eines gemeinsam: Sie kommen aus sozialschwachen Milieus und sind mit einer extrem großen Gier nach Aufstieg ins Leben gestartet. 

Doch selbst wenn – wie in ihrem Fall – der Aufstieg gelingt: einmal gierig, immer gierig. Wer erst mal den Erfolg genossen hat, gibt sich nicht so schnell zufrieden. Für Winterkorn beispielsweise waren 141-mal mehr Gehalt als das eines Durchschnittsverdieners im Konzern offenbar völlig angemessen. 

Doch die Hoffnung, sich mit außerordentlichem Erfolg selbst annehmen zu können, erfüllt sich in der Regel leider nicht. Deshalb schadet am Ende sogar das, was am Anfang nützt. Wer immer ein Getriebener ist, überspannt eines Tages den Bogen.

Das Prinzip der Gier lautet: genug kann nie genügen. So erklärt sich auch, warum Top-Manager, Stars und Spitzenpolitiker nie aufhören können, obwohl sie schon unglaublich viel erreicht haben. So hart es klingen mag, doch aus psychologischer Sicht steht fest: Beckenbauer, Hoeneß, Winterkorn, aber auch Christian Wulff wären ein Fall für die Therapie.

Anders als Aufsteiger-Persönlichkeiten bleiben Eliten häufig unter sich. Ihnen fehlt das Bestreben, sich über wirtschaftlichen Erfolg zu positionieren, denn er ist ja schon da. Eliten suchen sich andere gesellschaftliche Bereiche, um maßlos sein zu können. Der deutsche Unternehmer und Kunstförderer Reinhold Würth zum Beispiel ist in seiner Sammelleidenschaft uferlos. Und viele Adlige sind nicht frei von peinlichen Eskapaden – ob Königshaus oder Etagen-Adel.

Erfolg und Moral? Schließen sich häufig aus. Apple-Genie Steve Jobs war zweifellos eine Lichtgestalt, doch moralisch war er kein Vorbild. Seine Persönlichkeit war extrem: Als Chef wollte man den Apple-Guru nicht haben. Auch er ein Fall für die Couch.

Wir werden mit dem Aufstieg und Fall unserer Helden leben müssen. Denn psychologisch betrachtet gilt: Wer Außergewöhnliches leistet, leitet die dunkle Seite seiner Persönlichkeit in den Erfolg um – und am Ende in den eigenen Fall.